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Rezension: Eine Frau wird älter- Ulrike Draesner

Ulrike Draesner zählt zu den profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. Die 56 jährige Schriftstellerin wurde für ihre Romane und Gedichte mehrfach ausgezeichnet. Im vorliegenden Buch befasst sie sich mit dem Älterwerden von Frauen und wie man damit am besten zurechtkommt, fernab von den gängigen Klischees und kränkenden Erfahrungen aufgrund des Nicht- mehr –jung-Seins. 

Die Autorin hat eine solche kränkende Erfahrung mit ihrem Lebenspartner gemacht als sie bereits in ihrem 6. Lebensjahrzehnt stand. Diese Erfahrung scheint sie mittels des Buches zu verarbeiten, wobei die in die Brüche gegangene Beziehung, nicht ständig thematisiert wird, aber für den aufmerksamen Leser immer mitschwingt. 

Die Schriftstellerin erzählt von ihren Erlebnissen mit alternden Menschen in ihrer Kindheit und Jugend in ihrer Familie,  berichtet von den altersbedingten Veränderungen, die sie an ihrem Körper wahrnimmt, von dem Totschweigen der Menophase allerorten und dem verkrampften Umgang mit dem Älterwerden  besonders von Frauen. 

Für sie heißt die Frage: "Wie verstehe ich mich in der Entfaltung der Zeit, die ich noch haben mag, wenn es nicht um ein Abwärts nach einem Aufstieg geht?" Gemeint ist "ein planes Fortschreiten in der Zeit als Möglichkeit, als Mensch Facette um Facette ins Leben zu treten."

Nach Auffassung der Autorin war es für Menschen von einst problemloser, "der eigenen Gestalt kontinuierlich weitere Farbe, einen zusätzlichen Aspekt hinzuzufügen." In diesem Zusammenhang habe man früher von der Gnade es Alters gesprochen. Diese aber scheint es nicht mehr zu geben.

Ulrike Draesner hat sich daran bereits gewöhnt, dass ihr Innen- und Außenbild auseinanderklaffen. Sie bemerkt, dass das innere Alter sich bewegt, wenn sie es erlaubt, ohne es von vornherein festzuschreiben. Sie stellt fest, dass mit fortschreitendem Alter, ihre Vorfahren in ihrem Gesicht sichtbar werden und will sie erscheinen lassen. 

Sie weiß, dass Alter sich vollzieht und jeden trifft, hormonale Veränderungen ein Teil davon sind. Sie weiß aber auch, dass diese Jahre eine Frau nicht definieren. Wieso aber kommt sie auf die fixe Idee, dass Frauen für Männer aufgrund ihrer fortgeschrittenen Alters unsichtbar werden? 

Sind diese Vorstellungen es, die Frauen in chirurgische Runderneuerungen treiben? Sie schreibt, was sie unternimmt, um ihren Körper fit zu halten, auch wo ihre Grenzen liegen. 

Ihr  nachdenklicher Text liest sich stets flüssig, obschon man in ihren Gedanken unterschwellig die Irritation einer zutiefst gekränkten Frau erkennt. Sie ist intelligent, schön, wird es auch noch in 20 Jahren sein. Männer werden sie nach wie vor attraktiv finden, doch sie selbst kann das offenbar nicht glauben, weil sie sich mit den Augen ihren Verflossenen sieht, wie es scheint.. 

Sie schreibt, "Wechseljahre rühren an unserer Sterblichkeit". Wieso denn? Frauen können nach den Wechseljahren theoretisch noch 60-70 und mehr Jahre leben. Die Frage der Sterblichkeit stellt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich. Wenn eine Frau das Gebären von Kindern nicht in den Mittelpunkt ihres Lebens stellt, dann kann sie spielend leicht einen anderen Weltbezug herstellen und das Ende der Wechseljahre als Aufbruch in etwas Geistiges erleben.

Gefallen hat mir, dass die Autorin sich an ihre 98 jährige, verstorbene Tante erinnert, die so anders war  als das Angstbild vieler Frauen, die Furcht vor dem Altern haben: "Aus ihrem Körper schien eine Art Harmonie zu dringen. Sie verlieh ihrem Gesicht, trotz aller Falten und Alterszeichen, wie ihren Bewegungen ein Ebenmaß, das man nicht anders als Schönheit wahrnehmen konnte."

Was ist wichtig?  Seinen eigenen Weg zu gehen und die Vergänglichkeit als gegeben zu akzeptieren,  präsent zu sein. Dann  gibt es auch keine Unsichtbarkeit.

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Eine Frau wird älter: Ein Aufbruch

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