Dies ist der 4. Band der Bücherreihe "Goethe im Wahnsinn der Liebe" des Juristen und Autors Veit Noll. Dieser hat die Feier der 250-Jahre Beziehung Goethes zur Herzogin Anna Amalia und der Freifrau Charlotte von Stein zum Anlass genommen, in seinem 4. Band mit dem Titel "Geheime Offenbarungen" seine Untersuchungen und Analysen zu dieser Doppelbeziehung zu veröffentlichen.
Veit Noll hat am 28. August 2026 – anlässlich Goethes 277. Geburtstag – die Neuerscheinung an den Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums e.V. Herrn Dieter Höhnl, im Goethehaus am Frauenplan überreicht.
Was den Leser erwartet, sind zunächst einmal rund 240 Seiten Text, 3 Seiten Wortbedeutungen aus dem Recht, 27 Seiten Bilder, 9 Seiten Texte zu den Abbildungen, 50 Seiten Endnoten und darüber hinaus noch 4 Seiten ergänzende Auswahlbibliographie bzw. Siglenverzeichnis.
Veit Noll ist bei seiner Arbeit wissenschaftlich präzise vorgegangen und beweist anhand von Goethes Werken und juristischen Texten aus jenen Tagen, dass der Dichter und Geheime Rat, der als Jurist im Geheimen Consilium in Weimar tätig war, nicht zuletzt aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen dazu beigetragen hat, dass sich die aus heutiger Sicht krude Moral sowie das Recht der Familie und hier der fleischlichen Verbrechen im Herzogtum Sachsen- Weimar allmählich positiv veränderte.
In seiner Dichtung setzt Goethe anstatt der Konventionalehe, der die Liebe zu folgen hat, die Liebe des Paares, die in der Ehe münden solle. Dies sei letztlich die Folge von Goethes persönlichen Erfahrungen, die er in seiner Dichtung verarbeitet, wie Noll überzeugend nachweist.
Seine Werke "Wilhelm Meister" und die "Italienische Reise" seien "die Oberfläche, auf denen er den Untergrund seines persönlichen Lebens erzählt." Nach Vorstellung Goethes werde das durch die bestehende gesellschaftliche Organisation und deren Regeln erforderte Verhalten zum Gesellschaftstheater. Dieses Theater mit seinen Masken im realen Leben werde von Goethe in seinen Schriften unter dem Schein des Schauspieltheaters vorgestellt.
Die Kunst werde bei Goethe zur Reflexion der Natur. Wobei sich die Kunst in seinem Sinne um das Schöne des Wirklichen handelt.
Goethe verwende – und das weist Noll nach – in seinen autobiographischen Werken und Geschichten unterschwellige Kommunikation, die das Ware und Schöne bekunde, jedoch dem Unbedarften den Inhalt nicht offenbare. Dabei verbinde er juristische Sprachtechnik mit Wahrhaftigkeit. Die Art wie Goethe textet, sei eine Form der Konfliktbewältigung, demnach wohl therapeutisches Schreiben.
Goethes Texte "Iphigenie sowie "Tasso II" seien ganz eng mit seiner Biographie verbunden. Er habe dort primär für sich geschrieben, aber auch für Anna Amalia und Charlotte. Noll erläutert die Zusammenhänge ausführlich. Gekonnt unternimmt er dies bei zahlreichen anderen Beispielen im Buch gleichfalls. Noll macht also deutlich, dass man im Grunde ein Kenner von Goethes Werk sein oder werden muss, um sein komplexes Anliegen in der Tiefe zu verstehen. Welch` eine geglückte Werbung für Goethes Texte! Bravo!
Man liest u.a. von dem platonischen Verhältnis zwischen Charlotte von Stein und Goethe, aus dem er immer wieder auszubrechen versuchte und stattdessen eine Lebensbeziehung mit ihr als Ehefrau einzugehen. 1786 dann habe er versucht in einem "Anflug von Wahnsinn" mit ihr und ihrem Sohn Fritz aus Weimar zu fliehen, was Charlotte nicht akzeptierte.
Juristisch gesehen habe er einen Ehebruch mit "böswilligen Verlassen" und "Kindesentführung" initiieren wollen. Die Strafen hierfür waren zur damaligen Zeit drastisch. Goethe fügte sich, Charlottes Entscheidung zu bleiben, um die Beziehung nicht zu gefährden. Charlotte habe in ihrem Drama "Dido" Stellung bezogen, darüber liest man auch Wissenswertes seitens der Ausführungen von Noll.
Es ist nicht einfach, sich zu verkneifen auf alle Texte des Buchs einzugehen, so etwa auf "Goethes Flucht vor Anna Amalia und seine Gründe" oder "Goethes emotionale Befreiung in tiefer gegenseitiger Liebe zu Maddalena Riggi – die entschiedensten Wahlverwandtschaften" oder "Goethes Küchenmoral – sein `Bettschatz´", doch der Rahmen einer Rezension ist begrenzt. Spannend finde ich den Text "Goethe in Verbrechen und Wahnsinn!" Hier werden drei Verbrechen beleuchtet – für Noll ein sinnlich-wahnsinniges Verhalten – die nach zeitgenössischer Vorstellungsart für Goethes Verhalten zur Diskussion stehen. Dabei richten sich diese Verbrechen gegen den Kernbereich der zeitgenössischen Regeln zu Ehe, Liebe und Sinnlichkeit.
Ausgiebig erörtert Noll das juristische Denken "Goethes als Hofmann und seine Tätigkeit im Geheimen Consilium" und wie er sich in Abschaffung der Todesstrafe für Kindsmörderinnen positionierte, so etwa durch seine Literatur.
Es folgen eine Fülle von Texten im Hinblick auf Rechtliches zum außerehelichen Beischlaf, vorweggenommenem Beischlaf bei Verlöbnis und bei Beischlaf mit der Braut eines anderen sowie eine Chronologie von kirchlichen und weltlichen Vorschriften als auch dienstlichen und öffentlichen Stellungnahmen im Herrschaftsbereich Sachsen-Weimar-Eisenach einschließlich Jena und Ilmenau im Hinblick auf Ehebruch und Hurenstrafen. Aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar; für wache Geister, die damals ihrer Zeit weit voraus waren, gewiss eine Qual.
Im Ergebnis wird klar, dass Goethe in seinen literarischen Texten liberaler war als die Rechtvorstellungen seiner Zeit es zuließen. Anderes war im Grunde nicht zu erwarten. Für Noll ein Beweis, dass Goethe ein Advokat der Liebe war.
Helga König


